Copyright ©2015 (Rui Calçada Bastos) All Rights Reserved

Rui Calçada Bastos: Zeitreisen ins Niemandsland

Katja Albers

Rui Calçada Bastos ist ein Reisender. Ein Zeitreisender, um genau zu sein. Sein Ziel ist die Reise selbst, die vergehende Zeit zwischen Aufbruch und Ankunft. Diese zwielichtige Zeit des Fremdseins, der unnahbaren Einsamkeit in einem flüchtigen Niemandsland, ist immer wieder Gegenstand seiner künstlerischen Arbeit. Auch wenn der Künstler das nomadische Reisen zur zeitweiligen Lebensform gemacht hat und seine Video- und Fotoarbeiten nicht selten auf ortsspezifische Erlebnisse reagieren, so sind sie dennoch unmissverständlich als Reflexionen einer Lebensreise mit unbestimmtem Ausgang zu verstehen.

Seine Videoarbeit „Bothways“ (2006) greift diese Stimmungen in vielfacher Form auf. Man blickt in ein leeres Zugabteil. Vor dem Fenster zieht eine Landschaft in melancholischer Gleichförmigkeit vorüber. Bei genauer Betrachtung bemerkt man, dass es zwei Landschaften sind, die in dem horizontal geteilten Fenster in entgegen gesetzter Richtung stetig aneinander vorbei gleiten. Das schwarz-weiß des Filmmaterials, der beständige Ton ratternder Eisenräder und das Format der Endlosschleife geben der Arbeit etwas Nostalgisch-Zeitloses. Der Blick aus dem Fenster schweift in zwei Richtungen, voraus in eine unbestimmte Zukunft wie auch zurück in eine nebelige Vergangenheit. So verweist die Arbeit auf eben jene magische Ort- und Zeitlosigkeit des Reisens, die immer auch eine Expedition in tiefere Schichten des Bewusstseins ist, und Erinnerungen wie Phantasien gleichermaßen ans Tageslicht bringt. Das Fenster als Bild im Bild greift ferner auch die Metapher der Grenze von Interieur und Außenwelt und damit von Innenschau und Fernsicht auf. Bastos selbst geht es auch um die Frage der vielschichtigen Sichtweisen, um individuelle und kollektive Wahrnehmung, die in den zwei konträren Blickrichtungen angelegt ist.

In „A video for a photograph / A photograph for a video“ (2006) wird das Motiv des Reisens erneut aufgenommen. Wie im Titel bereits angedeutet, handelt es sich um eine zweiteilige Arbeit, bestehend aus einem großformatigen Foto und einem daneben platzierten kleinen Monitor. Das Foto zeigt eine junge Frau auf einem großen Parkplatz, neben ihr ein Reisekoffer. Wir sehen sie in Rückenansicht in die Ferne eines weiten Abendhimmels blicken, in einem urbanen Niemandsland, vielleicht am Rande einer Großstadt. Mehr nicht. Doch eben diese Unbestimmtheit wirft eine Fülle von Fragen und Möglichkeiten auf, Assoziationen, die aus dem Einzelbild eine Geschichte machen. Es ist die Haltung der Frau, ihre Nähe wie ihre gleichzeitige Unnahbarkeit, die den Betrachter unweigerlich ins Bild holt. Die Rückenfigur ist traditionell ein bildkompositorisches Bindeglied zwischen Betrachter und Bildzentrum. Insbesondere in der Malerei der Romantik wurde sie zur Gefühlsfigur, die dem Betrachter jene unbestimmte Sehnsucht über den Blick in die Ferne vermitteln sollte. In Rui Calçada Bastos Arbeiten tauchen immer wieder Rückenfiguren auf, die eine Atmosphäre von angespannter Nähe und melancholischem Ausgeschlossensein erzeugen. Wer ist diese fremde Frau, was tut sie auf diesem Parkplatz? Will sie fort, oder ist sie gerade erst hier angekommen? Dies sind nur einige der offenen Fragen, welche die Fotografie erzeugt, weil in ihr nur ein kurzer Augenblick festgehalten wurde. Der willkürliche Moment gefröre zur Unendlichkeit, wäre da nicht das Video, das den imaginären Film weiterdreht und die Offenheit der Fotografie mit anderen Mitteln aufhebt. Der Monitor zeigt die Frau ins Bild kommend, den Koffer neben sich abstellend. Ihr Blick in die Ferne gilt einem startenden Flugzeug, das langsam aus dem Bild verschwindet. Doch auch diese, zunächst banale Sequenz hinterlässt ein Gefühl des Unbehagens. Nichts wurde darin geklärt, alles ist nach wie vor offen. Der Künstler spielt hier mit den Möglichkeiten beider Medien etwas Fragiles und Flüchtiges wie Zeit bildlich zu fassen. Während die Fotografie die Zeit im Augenblick kondensiert, und damit diesen Moment in den Möglichkeiten seines Davor und Danach bis zur Unendlichkeit auflädt, hält das Video ihn in der Endlosschleife gefangen. Die Spannung entsteht im kurzen Moment des Übergangs zwischen den Medien.

Auch in der jüngst entstandenen Arbeit „Soundscape“ spielt Bastos mit den Möglichkeiten, eine Narration zwischen Fotografie und Video aufzubauen.
Neben einer Fotografie, die den Künstler selbst zeigt, wie er einen übergroßen Suppentopf an einem langen Stil vor dem Panorama einer Küstenstadt
hinter sich herzieht, steht ein kleiner Handwagen, auf dem ein kleiner Monitor dilettantisch mit Pappe und Klebeband befestigt ist. Auf dem Monitor sieht man wiederum die gesamte Sequenz wie der Künstler den scheppernden Blechtopf durch die engen Gassen und touristischen Straßen der ehemals portugiesischen Kolonie Macao hinter sich herzieht. Diese tragikomische Geste lädt das Utensil mit einer Bedeutungsvielfalt auf. Das Gefäß wird zum sichtbaren Container von Hab und Gut, von Schicksal und Identität. Wenige Tage zuvor hatte Bastos eine alte Frau beobachtet, wie sie einen solchen Topf hinter sich herzog. Er versuchte daraufhin, einen ähnlichen Topf zu kaufen und die Aktion der Frau performativ zu wiederholen. Bei einem Alteisenhändler erstand er durch Zufall genau ihren Topf, den sie dorthin verkauft hatte. Bastos selbst hat mehrere Jahre in Macao gelebt, bevor er sein Studium in Lissabon begann. Macao ist also ein Stück seiner Heimat, seiner Identität. Auch dieser Aspekt kommt in der Performance zum Tragen. Indem er den Topf durch Macao zieht, sammelt er Erinnerungen und eignet sich die Stadt auf neuen Wegen künstlerisch an. Die Installation des Monitors auf dem kleinen Handwagen entstammt einer weiteren Reise durch Mexiko. Hier verkaufen die fliegenden Händler ihre Ware, vor allem Elektrogeräte, illegal auf solchen selbst gebauten Handwagen. Um nicht von der Polizei erwischt zu werden, und um schnell fliehen zu können, verschnüren sie ihre Handwagen mit Pappe und Klebeband und rollen sie durch die Stadt.
Indem er das Video der Performance auf dem Handwagen installiert, verweist Bastos auf die Lust am Reisen, wie auch auf das Spartanische, Flüchtige und Unbeständige seiner mobilen Identität. Hier ergänzt das Video die Fotografie um wesentliche Informationen und stattet den singulären Moment, das vage Detail der Fotografie mit einer narrativen Bedeutungsstruktur aus.

Auf der anderen Seite zeugen Bastos’ Arbeiten auch von einer unwillkürlichen und steten Suche nach der komplexen ungreifbaren Substanz von Identität, sowie von einer Sehnsucht nach Verankerung und Verwurzelung der entfremdeten Existenz, die jedoch beständig scheitern muss.
Diese Suche führt den Künstler immer wieder auf sich und sein eigenes Bild zurück, als sei dieses Bild, die einzige und verlässliche Größe inmitten einer fragwürdigen und fremden Bilderflut. Kaum eine Arbeit bringt diesen Gefühlszustand besser zum Ausdruck als „ Last evidence of the Drowning of the One left with Thoughts of Dissolution and Gloom“ (2006). Hinter dem schwermütig klingenden Titel verbirgt sich ein Videoselbstporträt von ästhetischer Brillanz und ergreifend einfacher Schönheit. Man sieht eine Reflektion des Künstlers in extremer Untersicht auf einer leicht bewegten Wasseroberfläche. Auch in früheren Arbeiten tauchen immer wieder Spiegel auf. In „Mirror Suitcase Man“ (2004) trägt der Künstler einen verspiegelten Koffer durch Stadt, deren Ansichten darin geheimnisvoll verdoppeln. In „Quadrifoglio“ (2000-2002) verwandelt er sich selbst in seinen Doppelgänger und spiegelt das eigene Abbild mit Hilfe des Filmtricks. In vielen seiner Performances wird die Kamera zum Gegenüber, in dessen Spiegel sich der Künstler selbstreflexiv begegnet. Hier ist es eine Wasserfläche, in der sich der Künstler spiegelt, bis sein Bild langsam darin verschwindet. Ein Motiv, das unwillkürlich an den Mythos von Narziß denken lässt, der sich mit tödlicher Folge in sein eigenes Abbild verliebte. Entgegen der negativen Kritik der manischen Selbstverliebtheit, die insbesondere den performativ arbeitenden Videokünstlern oft begegnet, enthält der Mythos auch eine andere Auslegung, die auf den Aspekt der Bildfindung verweist. Das tragische Ende stellt die fortwährende Suche nach dem eigenen Bild dar und beinhaltet auch ihr evidentes Scheitern. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst, wie auch die Vergeblichkeit dieses Versuches ist über die Jahrhunderte immer wieder Gegenstand künstlerischer Gestaltung gewesen. Auch „Last evidence...“ lenkt den Blick nach innen, auf eine selbstreflexive Ebene, lässt aber in seiner abstrakt meditativen Form auch viel Raum zur Identifikation des Betrachters mit der langsam verschwindenden Figur.

In wesentlich obsessiverer Form begegnet man der Selbstreflexion des Künstlers in Bastos jüngster Arbeit „Self Portrait with a Tic“ (2007). Als Installation angelegt, beinhalt diese Arbeit eine Serie von ??? gezeichneten Selbstdarstellungen, die dicht gehängt auf einer Wand präsentiert werden. Jedes Porträt weist eigenwillige Verzerrungen der Gesichtsmuskulatur auf, die grotesk und komisch zugleich wirken. Hinter der Wand verbirgt sich der Eingang zu einem verdunkelten Raum, in dem ein Video zu sehen ist, dass ebenfalls ein Porträt des Künstlers zeigt, der mit ernstem angestrengten Blick aus dem Bild schaut. Er fixiert weder die Kamera noch den Betrachter, sondern sein Blick ist nach innen gerichtet. Er ist vollkommen auf sich selbst konzentriert. In dieser angespannten Stille huscht ein Zucken über sein Gesicht, das sich in der Folge zu grotesken Grimassen verstärkt. Doch bleibt der Gesichtsausdruck dabei seltsam leer und unbeteiligt. Der Künstler versucht den Tick nicht zu verbergen, sondern im Gegenteil, er scheint ihn in der bewussten Konzentration noch zu verstärken.
Die Begegnung mit dem überlebensgroßen Kopf des Künstlers in voller Konzentration ist beeindruckend und unheimlich zugleich. Es scheint, als sei man in die Mitte eines Denkprozesses, ja beinah hinein des Künstlers Hirn selbst geraten.
Auch hier spielen die verschiedenen Medien eine entscheidende Rolle. Die Zeichnungen halten als Standbilder die einzelnen Momente der Konzentration verdichtet fest, während das Video das Prozesshafte, Flüchtige und Unkontrollierbare des Gedanken- und Konzentrationsvorganges im Ganzen porträtierend dokumentiert. Beide Medien spiegeln unterschiedliche Formen der Konzentration. Während die Zeichnungen als Kopien von Standbildern aus dem Video in der Anfertigung hohe Konzentration im Detail verlangen, zeigt das Video die Konzentration auf den magischen Vorgang des Denkens selbst. Die Installation als Ganzes ist die Endlosschleife einer geistigen Vertiefung, vielleicht auch einer imaginären Reise in ein inneres Selbst, der man als Betrachter beiwohnen darf.

Katja Albers is a curatorial assistant at NBK in Berlin.